Die Saga von Blackmoore

Anderswelt Tagebuch

Als Kind hatte ich sie oft gesehen, die Tore zur Anderswelt. Ich hatte nur zu wenig Mut, sie zu betreten. Jedes Mal konnte ich jedoch einen Blick erhaschen und später von diesem Ort träumen. Manchmal war es nur ein gelber Fliegenpilz und manchmal eine ganze Moorlandschaft oder sogar eine Kreatur.

Irgendwann verschwanden die Tore nach und nach. Doch eines Tages, als ich einem Frosch nachjagte, lockte dieser mich immer tiefer in eine vergessene Welt. Ich merkte zu spät, dass ich die Schwelle überschritten und das Tor zur Anderswelt schon lange hinter mir gelassen hatte.

Die Farben waren kräftiger, alles war ruhiger und natürlicher. Ich sah mich um und genoss diese fremde Welt. So stand ich da mit grossen Augen. Ich hatte keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen war, bis mir in den Sinn kam, dass man nicht zu lange in der Anderswelt verweilen und vor allem nichts von dort essen durfte. Diese beiden Grundregeln kannte ich aus Keltischen Märchen. Verletzte man eine dieser beiden Regeln, konnte es gut sein, dass man nicht mehr aus der Anderswelt zurückkehren konnte.

Ich glaube, dass ich irgendwann einmal für immer dort bleiben werde. Doch zurzeit kehre ich zurück und berichte Euch von dieser Welt in meinem Anderswelt-Tagebuch Blackmoore.

 

Wenn ich die Pforte der Anderswelt überschreite, werde ich zu Thorin Eirikson. Eirikson nennt man mich, weil ich in einer Gewitternacht urplötzlich vor Eirik auftauchte. So begegnete ich das erste Mal einem Menschen in der Anderswelt und war etwa gleich erschrocken wir er. Eirik nahm mich mit in sein bescheidenes Heim und zog mich auf.

Es war eine hölzerne Fischerhütte in den Speerfjorden und ich musste mich zuerst an den dichten Rauch im Innern gewöhnen. Beim Eingang standen zwei Skulpturen von Freja und Odin, welche über den ganzen Raum wachten. In der Mitte stand ein langer Tisch mit einer Feuerstelle an seinem Ende. Das orange schimmernde Feuer liess mich auch die Liegefläche an der Wand erkennen. Mit klappernden Zähnen sehnte ich mich nach den Rentierfellen, die darauf ausgelegt waren.

Eirik trocknete meine langen Haare mit einem gewobenen Leinentuch und wickelte mich in das wärmende Fell. Da entdeckte ich zwei blaue Augen wie die meinen, die hinter der Odin Statue hervorschielten. Ich wich zwei Schritte zurück und klammerte mich an eine Bank. Aus dem Schatten trat ein kleiner Junge mit einem Holzschwert, der mich nicht aus den Augen liess. Eirik erklärte mir: „Fürchte dich nicht, das ist Norwin, der Jüngste der Familie.“ Hinter ihm tauchten noch zwei weitere Gestalten auf. Stolz sagte die jüngere, dass sie Andreja heisse und den Hasen in der schweren Eisenpfanne selber gekocht habe. Ich fand schnell heraus, dass die dritte Gestalt die Mutter der beiden war.

Als wir am Tisch sassen und mich der kleine Norwin anknurrte, weil ich das grössere Stück Fleisch bekam, schenkte ich ihm meinen Anteil. Seither sind wir beste Freunde. Ich sollte eigentlich nichts essen, weil dies in der Anderswelt schwerwiegende Folgen haben konnte. Doch mein knurrender Magen brachte mich dazu, das Risiko einzugehen. Später am Tisch erzählte Andreja, dass sie bald verheiratet werde und ihre eigene Holzhütte bekäme.

Sie nannten mich Thorin, weil ich nicht erklären konnte, woher ich kam und wie ich hierher gekommen war. Deshalb musste ich von Thor in einer Gewitternacht hierher geschickt worden sein.

 

Ich nutze die Gelegenheit, in der Anderswelt möglichst viel zu lernen. Ich wollte alles wissen über die kleine Welt in der Fischersiedlung am Speerfjord. Ich lernte von Andreja, wie man spinnt und die Wolle zu Kleidern verarbeitet. Von Eirik lernte ich das Schmieden und Fällen von Bäumen. Von Mutter lernte ich, wie man kochte und der kleine Norwin brachte mir das Kämpfen bei. Er war immer überglücklich, wenn er das Wettschiessen mit dem Pfeilbogen gegen mich gewann.

 

Ich freundete mich schnell auch mit den anderen Jungs an und wir nannten uns Brüder vom Fjord. Da waren Birk, Ragnarson, Drystan, Balgruf, Norwin und ich. Am Anfang schlichen wir in die Vorratskammer und klauten Honig. Dann erschreckten wir die Fischer, die in ihre Arbeit vertieft waren. Später brauten wir unseren ersten Met oder veranstalteten Wettkämpfe. Hauptsache wir machten etwas zusammen.

 

Eines Tages schlichen wir gemeinsam durch die Wälder, um unsere erste Wildsau zu erlegen, was uns auch gelang. Doch dann mussten wir sie zu sechst tragen, so schwer war das Riesenbiest. Wir brauchten lange, bis wir den Hügel erklommen hatten, hinter dem unser Dörflein lag.

Als wir oben angekommen waren, trauten wir unseren müden Augen nicht. Unser Dorf lag in Schutt und Asche. Nur noch schwarze Gerippe, aus denen Rauchsäulen aufstiegen, verrieten, dass hier mal ein Dorf gewesen sein musste.

Nun waren wir erwachen. Nicht weil wir unsere erste Wildsau erlegt hatten, sondern weil von unseren Eltern jede Spur fehlte. Wahrscheinlich wurden sie als Sklaven verschleppt. Wir hatten schon einige Male von den Reitertruppen gehört, die aus dem Osten kamen, alles niederbrannten und die Menschen versklavten.

Wir sammelten alle noch brauchbaren Gegenstände zusammen und schleppten sie auf ein Fischerboot, das hinter der nächsten Bucht versteckt war. Unser nächstes Ziel war unser Onkel, den wir um Hilfe bitten und ihn vor den fremden Reitern warnen wollten.

Wir alle konnten segeln. Schon als kleiner Junge stand ich im Bug und genoss es, wie die salzige Gischt hochspritzte und der rauhe Wind an meinen Haaren zerrte. Doch mit so einem Unwetter wie es an jenem Tag aufzog, hatte noch keiner gekämpft. Wir mussten die Götter verärgert haben! Es schien als kämpfe Gymir gegen Thor und das sieben Tage lang. Am siebten Tag sahen wir entfernt ein Licht und hielten mit letzter Kraft darauf zu. Doch unser Boot zerschellte an den plötzlich auftauchenden Klippen wie eine Nussschale.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in der Burg Blackmoore. Burg war damals schon übertrieben, denn es war mehr eine Ruine, aber sie schützte vor Wind und Wetter. Ich erfuhr bald, dass es meinen Reisegefährten gut ging und auch sie am Strand von Blackmoore von Eymilis, der Tochter des Königs, aufgelesen worden waren. Ihr verdankten wir, dass wir noch lebten. Sie war mit einer Laterne ausgeschickt worden, um den verirrten Schiffen den Weg zu weisen. (Eiriksons Ankunft)

 

Inzwischen bin ich, Thorin Eirikson, „König“ von Blackmoore. König ist wohl ein bisschen übertrieben, da in unserem Land kein grosser Reichtum herrscht und wir mehr wie Bauern leben. Ich hause in einer Ruine, die einst eine stolze Burg war. Ein langer Krieg mit römischen Armeen lies das Königreich Blackmoore auf eine Handvoll Geschöpfe schrumpfen. Nun, da der letzte männliche Nachkomme Blackmoores gestorben ist, gebührt mir die Aufgabe, mich um die Ländereien und die Bevölkerung zu sorgen. Ich versuche, ein gerechter König zu sein und will Blackmoore seinen strahlenden Glanz wiedergeben, so wie es einst vor dem grossen Krieg war. Eigentlich wollte ich ein gewöhnlicher Schiffsbauer werden anstatt König, doch das Schicksal ist unausweichlich!

 

Zum Glück hilft mir Norwin Eirikson, mein grosser kleiner Bruder. Ohne ihn wäre ich mit den Aufgaben eines Königs überfordert. Er steht mir bei und bringt mich wieder zum Lachen, wenn ich mit meinen Pflichten überfordert bin. Auf seinen Raubzügen hat er einiges an Ausrüstung zusammen getragen. Damit konnten wir gemeinsam die Armee von Blackmoore ausrüsten und das Kämpfen lehren (Schwertkampf). Bei einem Glas Met sprechen wir oft davon, wie es dazu gekommen ist.

 

Eymilis ist der einzige Nachkömmling des Blackmoore Geschlechts und wäre Prinzessin. Was jedoch sollte eine Prinzessin ohne Volk? Also verrichtet sie die gewöhnlichen Hausarbeiten wie ihre Magd auch. Die Magd Ejvelyn und die Prinzessin Eymilis sind wunderbare Köche. Sie zaubern süsse Speisen aus Rüben und füllen das Schloss jeden Morgen mit dem Geruch von frischen Brotfladen. Auch sonst sind sie überhaupt nicht zimperlich und liefern sich ab und zu einen Schwertkampf oder reiten auf ihren Pferden um die Wette. Eymilis hilft sogar bei der langweiligen Arbeit des Spinnens, damit Ejvelyn mehr Zeit hat, um mit ihr den Hof unsicher zu machen. (Die spinnen, die Weiber)

Eymilis wurde schon als Kind versprochen, damit Blackmoore sich den Frieden mit dem Norden sichern konnte. Doch sie überzeugte ihren Vater zu dessen Lebzeiten, sie noch ein bisschen im Schloss zu behalten.

 

In dieser Zeit verdienten wir unser Essen mit harter Arbeit.

Norwin Eirikson und Thorburn Ragnarson bewirtschaften einen Bauernhof. Thorburn war ebenfalls mit uns auf dem Schiff gewesen. Ich bin froh, dass auch er die Bruchlandung überlebt hat, denn er wurde mein loyalster Krieger und steht immer an meiner Seite. Wir haben schon ein paar Mal den Metvorrat der Mönche geplündert und die ganze Nacht gezecht. Thorburn knurrt jeden an, der sich mit mir anlegen will. Ich hole ihn als Entgegnung aus dem Schweinegatter, wenn er beim Pissen hineingefallen ist.

 

Die Schweine bringen wir zu Balgruf Wulfson. Er ist der Metzger und ebenfalls aus unserem Dorf. Er wurde nicht Metzger, weil es ihm besonders gut gefällt, sondern weil er immer Lust auf Fleisch hat. Bewaffnet mit Bratpfanne, Axt und einem guten Kraut zum Rauchen, ist er der glücklichste Mensch auf Erden. Aber seine grobe Statur und seine mächtigen Hände täuschen. Denn wenn ihn niemand sieht, schreibt er die schönsten Gedichte und Texte. Er ist wohl der einzige von uns, der richtig lesen und schreiben kann.

 

Auch Birk Dorsteinnson wuchs mit uns auf. Ein streitlustiger Knabe, der sich gerne mit allen anlegt. Wenn es brenzlig wird, zieht er sein Schwert und bleibt standhaft bis kein Gegner mehr zu sehen ist. Und wenn er in seinem Übermut einmal seine eigenen Leute verletzt, verarztet er sie auch wieder. Wir wissen nicht genau, ob er das wirklich kann, aber er behauptet immer, sein Grossvater habe ihm das beigebracht. Er sagt auch, es gäbe Männer, die Röcke tragen. Nicht Waffenröcke, so richtige, bei denen man nichts darunter trage. Und so belustigt er uns mit seinen Geschichten.

 

Und da wäre noch Drystan, der grösste von uns allen. Als wir Kinder waren, hänselten wir ihn oft seiner Locken wegen. Und dann hiess es laufen! Denn wenn er dich in die Finger kriegte, war Schluss mit lustig. Er hatte Bärenkräfte und gewann immer unser Kräftemessen. Man muss ihn nur rufen und er ist immer zur Stelle und hilft, egal worum es geht. Er ist unser Schmied und bringt das Eisen in Form.

 

Das sind meine Waffenbrüder. Und nun stelle ich Euch die Frauen vor, welche am Hofe von Blackmore leben.

 

Narja Brünhildsdottir wurde in einer eisigen Winternacht vor die Tore der Burg gelegt. Der Nordstern leuchtete hell, was als gutes Zeichen gesehen wird und so wurde sie von dem alten König gross gezogen, bis sie alt genug war, auf sich selbst aufzupassen. Ja, sie kann sogar sehr gut auf sich selbst aufpassen. Auch sie ist geübt im Umgang mit Messern und Schwertern. Man munkelt, sie besitze ein Amulett, das unbesiegbar mache.

 

Coileen unterrichtet die Kinder von Blackmoore. Niemand weiss woher sie kommt, doch ihr Wissen bezeugt, dass sie schon weiter herum gekommen ist als wir alle. Sie versteht es auch, die verschiedensten Tränke zu brauen. Sammlungen von fremden Gegenständen und Zeichnungen von aufgeschnittenen Menschen nennt sie ihr Eigen. An ihrem plötzlichen Auftauchen und wieder Verschwinden könnte man meinen, sie besässe eine Tarnkappe.

 

Svantje Ragnarsdottier, die Gefährtin meines Bruders und die Schwester von Thorburn Ragnarson haben wir als Einzige aus den Flammen unseres Dorfes retten können. Sie versteckte sich in einer Vorratskammer unter der Erde. Sie hat die Begabung, Streit zu schlichten und mit anzupacken, wenn es darauf ankommt, genau wie ihr Bruder.

 

Ab und zu streift auch Raven Blake (Raven Blake) durch die Wälder Blackmoores. Sie ist eine Waldläuferin und versteht es, mit dem Bogen umzugehen. Ich habe schon beobachtet, wie sie mit Vögeln spricht. Vielleicht besitzt sie die alte Gabe. Sie benutzt auch einen Hasen als Boten, dem sie Nachrichten auf dem Rücken befestigt. Ich beobachte sie gerne, wenn sie sich mal zeigen lässt. Ihr Anblick zieht mich in einen Bann.

 

In den östlichen Wäldern Blackmoores gibt es eine Gruppierung, die sich das freie Volk von Dichtenwald nennt. Das gemeine Volk schimpft sie jedoch Geächtete, Wegelagerer und Meuchelmörder. In Wahrheit sind es Kinder und Frauen, die durch den Krieg vertrieben wurden und Schutz in den Wäldern suchen. Ihr Zuhause wurde abgebrannt, ihr Vieh geraubt und ihre Brüder und Mannen getötet. Sie kleiden sich in traditionellem Grün und Schwarz von Dichtenwald. Ihr Geld verdienen sie mit dem Verkauf von gejagtem Wild und Belagerungen von Brücken, welche es in dieser Gegend haufenweise gibt, da das ganze Tal von Bächen durchzogen ist. Einige des freien Volkes haben sich auch auf das Töten mit Wurfmessern spezialisiert. Vermummt schleichen sie katzenähnlich durch die Wälder und plündern Bauern sowie Soldaten.

Eine von ihnen ist Freya Cajasdottir. Sie legte sich wieder einmal auf die Lauer unter eine Brücke, als diese gerade von Birk und Norwin überquert wurde. Sie zögerte, denn es waren zwei Krieger, doch sie würden auch eine gute Beute abliefern. Schon alleine die Schwerter waren Gold wert. Sie wartete, bis die beiden vorüber waren. Dann kletterte sie lautlos durch einen fehlenden Steg auf die Brücke. Sie wollte den beiden ihr Geld bei lebendigem Leibe abknüpfen, denn sie liebte Herausforderungen. Also rief sie ihnen zu. In diesem Augenblick sah sie eine Weitere vom freien Volk hinter einem Baum, die ihr die Beute streitig machen wollte. Sie warf ihr Messer, um diese zu vertreiben und zog rasch zwei weitere, um gegen die beiden Krieger zu kämpfen. Schnell merkte sie, dass sie sich zuviel zugemutet hatte. Doch sie kämpfte tapfer weiter, bis Birk ihr das Angebot machte, dem Gefolge des Königs Thorin beizutreten.

Norwin behauptet noch heute, Birk habe nur gefragt, weil ihm der Kampf zu lange gedauert hatte und er endlich in die Methalle wollte, um ein Horn zu trinken.

 

Das Reich von Blackmoore hat auch viele fleissige Bauern. Eine Bauernfamilie will ich genauer vorstellen, denn mein Gefühl sagt mir, dass ihre Tochter einmal Grosses leisten wird.

 

Andreja Eirikdottir ist eine begabte Näherin. Wir bringen oft die zerrissenen Kleider zu ihr oder die gesponnene Wolle, damit sie uns Kleider flickt oder näht. Auch wird man immer gut bewirtet, wenn man an ihre Tür klopft. Sie wohnt zusammen mit Tjorve in einem kleinen Bauernhof. In der Scheune ihres Bauernhofes erfindet Tjorve immer neue Gerätschaften. Er hat mir einmal gesagt, irgendwann erfinde er einen Pflug, der ohne Ochsen oder Rösser pflügen werde. Ich habe nur gelacht. Aber manchmal, wenn ich ihn werken sehe, denke ich, er hat es ernst gemeint. Sie sind die glücklichen Eltern von Finnia (Bauerntochter Finnia), die mit ihrem Lachen auch an regnerischen Tagen Blackmoore erhellt. Und wenn sie einmal weint, streiten wir uns darum, wer sie auf den Arm nehmen und ihr die Geschichte von den drei Schwänen im Herbst erzählen darf. (Drei Schwäne im Herbst)

 

Zurück zu unserer Geschichte.

Als Aufgenommene am Hofe Blackmoore haben wir unser Können unter Beweis gestellt. Wir haben gegen Eindringlinge gekämpft, einen Troll (Bohdan der Troll) besiegt und mit anderen Stämmen gehandelt. Wir haben sogar einen Drachen (Drachenring) besiegt, um die Gunst des Königs zu wecken. So kam es auch, dass der ehrenhafte König von Blackmoore an seinem Sterbebett mir die Krone übergab mit den Worten: „Bringe Licht in unser dunkles Zeitalter, mein Sohn.“

Wir gedenken jedes Jahr mit einem Fackelzug des alten Königs, damit er uns in den goldenen Hallen nicht vergisst und über uns wacht. (Nachtwanderung)

 

 

Gedichte, Lieder und Rezepte

Vergessene Welt

Schaurige Stimmen klingen durch das Moor
Nebelschwadenverhüllt
Zu einer neuen Welt das Eingangstor
mit Feen stimmen erfüllt

Weise Wesen beherrschen den Wald
Tapfer und beschützend
Bedrohung naht, erzürnt und kalt
Auf  göttlich Wort sich stützend

Entstanden eine vergessene Welt
Zerstört bald alle Träume
Bleibend nur ein Trümmerfeld
Ergänzt von kahlen Bäumen
 
Eine Hoffnung nur die bleibt
Der Phantasie Kräfte
Die neue Welt sich einverleibt
Verdankt der Menschen Mächte

 

Aus dem Buch:

Die Analen der Düsternis

Niedergeschrieben von Coileen

 

Das Tier in mir

Gebissen einst von einem wilden Tier,
seither unerschöpflich die meine Gier.
Für einen Mythos gehalten die Geschöpfe der Nacht,
die Jäger des Mondes bis der Morgen erwacht.

Wer durch des Tieres Blut infiziert,
der auf ewig seine Seele verliert.
Kann nicht gehalten werden von Ketten,
sein vergangenes Leben nicht mehr zu retten.

Am Tage leb ich unter Mensch, nicht mit Tieren.
Doch wenn die Sonne stirbt geh ich massakrieren.
Wenn die Äste unter mir krachen und beben,
du mich siehst dann lauf, lauf um dein Leben.

Schnitte von Krallen und Zähne sind mein Mahl,
im Griffe der Schatten, bleibt mir keine Wahl.
Augen rot wie die Glut, und eines Wolfes Geruch,
Dies ist mein nächtlicher Segen und mein Fluch…

 

Schriftstück aus Warge, im Körper eines Tieres

Geschrieben von: Balgruf Wulfson

 

Koboldsaufreim



Hebt die Hörner Brüder meine,
und singt mit mir diese Reime.
übers frohe feiern und das Saufen,
und die ganze Wunderpfeife rauchen.

Man sage wir seien klein und fein,
doch Met passe zu Fässern rein.
die schönste Zeit feiern wir hier,

und trinken massenweise Bier.

Hebt die Hörner Brüder meine,
und singt mit mir diese Reime.
übers frohe feiern und das Saufen, 
und die ganze Wunderpfeife rauchen.

Der Tag ist schon alt, die Nacht noch jung,

doch wir leeren das Glas in einem Schwung.
Nie enden sollte unsre Zeit im Wald,
und sonst sehen wir uns wieder bald

 

Im Buch: Texte vergangener Völker

Geschrieben von Balgruf Wulfson

 

Julnacht

 

Auf einem Gehöft nahe des Götterwasserfalls war zwei Jahre hintereinander in der Julnacht unter grossem Getöse der Mann verschwunden, welcher das Haus hütete, während die anderen zum Weihnachtsgottesdienst gingen. Ja, ich muss zugeben, so weit nach Norden ist das Christentum schon gekommen.

Ein stolzer Ritter, der davon vernahm, erbot sich, das nächste Mal Wache zu halten. Er trug sogar noch die Bäuerin, die zur Kirche wollte, durch den reissenden Fluss und kehrte dann zum Hofe zurück.

Etwa um Mitternacht erhob sich ein gewaltiger Lärm, ein riesiges Weib trat in die Stube. Einen Trog unter dem Arm und ein Messer in der Hand. Der Ritter warf sich ihr entgegen, und es begann ein gewaltiges Ringen, welches bis zum Morgen währte. Die Trollin war stärker als ihr Gegner, und trotz seines heftigen Widerstandes schleppte sie ihn hinaus an den Fluss.

Nach einem Ruf an Odin bekam der Ritter jedoch eine Hand frei. Er fasste sein Schwert, hieb der Riesin den Arm ab und rang weiter mit ihr. Endlich wurde es heller Tag, und die Riesin verwandelte sich zu Stein.

Wochen später, als sich der Ritter vom Kampfe erholt hatte, begab er sich in Begleitung eines Priesters an den Wasserfall. Er sah dort eine Höhle, die sich unter der Klippe hinzog. Sie war glatt wie gemeisselt, so dass es unmöglich schien, hinabzuklettern, und sie fiel 150 Ellen tief steil berab. Trotz des Mahnens und Zettern des Priesters unternahm der Ritter das Wagnis. Er befestigte für den Notfall ein Seil an einem Pfahl, der in den Fels getrieben wurde, und liess das  Tau, an dem ein schwerer Stein hing, ins Wasser.

So sprang er todesmutig, nur mit seinem Schwerte bewaffnet, in den Höllenstrudel und arbeitete sich bis zur Höhle durch, welche hinter dem Wasserfall war.

Dort sass an einem mächtigen Feuer ein ungeheurer Riese, der ein hölzernes Schwert gegen den Ritter zückte. Sogleich zerschlug er den hölzernen Schaft. Da versuchte der Riese sein ehernes Schwert zu greifen, welches hinter ihm an der Wand hing. Doch der Ritter war viel behender und zerschnitt mit seinem glänzenden Schwert die schwarze Brust des Riesen.

Der Priester aber, der die blutigen Eigeweide auf der Wasseroberfläche dahinschwimmen sah, glaubte, der Ritter sei getötet, schimpfte die alten Götter und Aberglauben und stampfte heim.

Unser Ritter aber fand in der Höhle viele Schätze. Damit belud er sich und angelte sich, da der Priester auf und davon war, selber hinauf.

Unser Ritter lebte vortan in Reichtum und Dankbarkeit gegenüber den alten Göttern. Von Unholden war die Gegend fortan befreit.

 

Vergessene Bräuche Band II

Geschrieben von Freifrouw Silva von Bärenfall zu Steimur, Odinsdottir

 

Weisse Rose im Moor

 

Es war eines späten Abends, als schon die Nacht hereinbrach und sich der unheimlich Nebel über Blackmoore ausbreitet, als eine alte Jungfer die Lichtung betrat, die in ihr so viele Gefühle weckte. Die Frau kniete sich über das Gewässer um ihr Antlitz zu betrachten. Ihr sah eine ältliche, vom Leben abgekämpfte Frau entgegen. Die einst so schönen goldenen Haare hingen kraftlos und traurig herunter und man konnte schon die ersten grauen Strähnen entdecken. Auch die einst so kraftvolle junge Gestalt war vom Alter und Kummer gebeugt.

Das Gesicht von Furchen und Falten durchzogen, erzählte eine Geschichte von Entbehrung und Einsamkeit. Ihr Spiegelbild schaute sie mit dunklen, geheimnisvollen Augen, denen eine einzige Träne entrang, von ihrer Wange tropfte und in dem unendlich Wasser des Moor verschwand. Langsam bildeten sich Kreise um die Träne und bereiteten sich unaufhörlich über die Oberfläche des Wassers aus, bis der ganze Teich in Bewegung war. Während sie sich so betrachtete wanderten ihre Gedanken zurück zu den Tagen, als sie noch glücklich war und nichts von der Grausamkeit des Lebens ahnte.

 

Es war an einem Frühlingsabend wie diesem , als sie sich mit ihrem Liebsten in die Sümpfe davonstahl um Zärtlichkeiten auszutauschen. Sie war eine kaum erblühte Frau gewesen und er ein übereifriger Jüngling und sie dachten die ganze Welt gehöre ihnen. Sie hatten Fangen gespielt und dabei versucht dem anderen einen Kuss zu stehlen, als sie sich immer tiefer in das unwegsame Gelände des Moores begaben.

Als sie erschöpft waren vom rennen, sanken die beiden keuchend ins Moos neben einem Teich. So lagen sie schwer atmend nebeneinander und sahen sich tief in die Augen. Sie beugte sich vor, um ihm noch einen Kuss zu stehlen, als es passierte.

Der junge Recke, war der Erste, der es sah. Etwas kam auf sie zu, ein Licht. Etwas schwebte, wie von Geisterhand getragen über das Wasser des Moores auf sie zu. Es war eine Kugel aus Licht, welche so hell schimmerte, dass das Moor ringsherum in undurchdringliche Schatten getaucht wurde. Langsam richtete sich das junge Paar auf, um genauer zu sehen, welch seltsam Ding da auf sie zu kam. Die Lichtkugel war faszinierend schön und unheimlich. Ganz leise hörten sie ein Summen in der Luft, das direkt aus der Kugel zu kommen schien. Umso näher es kam, umso kälter schien die Luft um sie her zu werden und als das Licht direkt vor ihnen schwebte, konnten sie ihren stossweisen Atem als Wölkchen in der Luft sehen. Den beiden stellten sich die Nackenhaare auf vor Kälte und ein undefinierbares Grauen überkam sie. Die Kugel blieb in der Mitte des Teiches stehen und schien zu warten. Erst in diesem Moment konnte das Mädchen ihre Starre abschütteln und spürte instinktiv, dass sie beide in Gefahr waren. Genug oft hatte man ihr eingebläut, sich von den Geistern des Moors fernzuhalten. Und dies hier war eindeutig eine Erscheinung, die nicht von dieser Welt war. Sie krabbelte langsam rückwärts, ohne das Licht aus den Augen zu lassen. Mittlerweile erreichte die Temperatur den Gefrierpunkt und das Wasser fing an, eine dünne Eisschicht zu bilden. Auch der Junge wurde der Gefahr gewahrt und rappelte sich panisch auf, um diesen düsteren Ort zu verlassen. Aber er kam nicht weit, weil sich die Wurzel eines uralten Baums erhob und um seinen Leib schlang. Der Jüngling wurde zu Boden geworfen und mit der Wurzel festgeschnürt. Die Hand seiner Geliebten wurde ihm entrissen.

Dies geschah alles im Bruchteil einer Sekunde, aber für das Mädchen war es wie eine Ewigkeit. Der Junge wehrte sich verzweifelt und versuchte sich unter dem Holz hervor zu winden. Als er sich der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens bewusst wurde, drehte er sich zu seiner Liebsten und blickte sie mit einer verzweifelter Liebe an, dass es ihr fast das Herz zerriss.

Dann keuchte er: Lauf! Lauf, Liebste! Lauf und schau nicht zurück!

Das Mädchen schaute ihn nur mit aufgerissenen, verständnislosen Augen an. Sein Blick, so voller Verzweiflung und Schmerz, war es, der sie dazu bewegte, sich zu bewegen. Aber sie rannte nicht fort, sondern auf ihn zu, um ihm zu helfen. Sie kniete sich neben ihn und packte seine Hand, in der Absicht sie nicht wieder los zu lassen, bis ihr Geliebter in Sicherheit war. Der Junge hatte aufgehört sich zu wehren und starrte mit starrem Blick zu der Lichtkugel hinüber. Das Mädchen folgte dem Blick und sah voller entsetzten, dass die Kugel sich wieder auf sie zubewegte. Mit einer unheimlichen Langsamkeit kam das Licht auf sie zu und umso näher die Kugel war, umso faszinierender wurde ihr Anblick. Auch das Mädchen lief Gefahr, sich in diesem seltsamen Licht zu verlieren.

Als die Kugel direkt vor ihrem Gesicht war spürte sie eine federleichte Berührung am Haar und es schien, als ob ihr eine Stimme ganz leise zuflüsterte: Komm zu mir. Komm in mein Reich, schöne Maid. Als sie die Berührung des Anderswesen spürte durchfuhr ein Schauer ihren Körper, der sie für eine Sekunde aus ihrer Starre riss. Sie riss panisch ihren Blick von der Kugel los und schaute ins Gesicht, des neben ihr kauernden Jungens. Sein Blick war in weite Ferne gerichtet und in seinen Augen lag ein entrückter Ausdruck, der sie wiederum schaudern lies. Langsam liess er ihre zuvor noch so fest geklammerte Hand los und eine Lächeln erschien auf seinen bleichen Lippen. Pures Grauen wallte in ihr hoch und die Angst zu sterben übertraf noch die Angst um ihren Geliebten.

Sie rappelte sich mühsam auf, packte ihn am Arm um ihn mitzuziehen. Ohne den Blick abzuwenden entriss er ihr mit erstaunlicher Kraft den Arm. Ein leises Schluchzen entrang sich den Lippen des jungen Mädchens und sie rannte so schnell sie ihre Beine trugen fort von diesem Ort der bösen Geister.

Als sie gerannt war bis sie keine Luft mehr bekam, blieb sie stehen. Einen Augenblick schaute sie nur blicklos in das Moor, dann brach sie auf die Knie, umschlang mit ihren blossen Armen ihren Körper und fing stockend an zu schluchzen. Der ganze Schock, der Schrecken und die Angst brachen aus ihr heraus und sie rollte sich zu einer Kugel auf dem Waldboden zusammen und weinte hemmungslos.

Irgendwann graute der Morgen, doch ihre Tränen wollten nicht versiegen. Trotzdem rappelte sie sich irgendwann mechanisch auf und machte sich mit schleppenden Schritten auf den Weg ins Dorf.

 

Aus der einzelnen Träne war ein ganzer Bach geworden, als die alte Frau diesen Tag in Gedanken noch einmal erlebte. Sie schaute auf die Unruhe, die ihre Tränen auf dem stillen Wasser hinterlassen hatten und fasste einen Entschluss, den sie schon ihr ganzes Leben vor sich her schob.

Ihr Spiegelbild hatte sich nicht verändert, aber irgendwie war auf einmal ein Schimmer von Hoffnung in ihren Augen erschienen. Hoffnung gepaart mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die nur eine endgültige Entscheidung mit sich bringt. Die verhärmte Frau wischte sich die Tränen von der Wange und erhob sich, um sich auf einen grossen Stein direkt am Wasser zu setzen. Nun, da sie schon mal angefangen hatte, das ganze Grauen nochmal zu erleben, konnte sie es auch zu Ende bringen, da dieser Tag sowieso alles zu Ende bringen würde.

Selbst hatte das junge verstörte Mädchen den Weg nicht mehr ins Dorf gefunden. Die Leute aus der Siedlung waren es, die das verstörte Mädchen fanden. Man brachte kaum ein vernünftiges Wort aus ihr raus, also brachte man sie nach Hause zu ihrer Mutter und machte sich auf die Suche nach dem vermissten Jüngling. Spät abends kehrten die Männer erschöpft von ihrer erfolglosen Suche zurück. Immer noch hatte das Mädchen kein Wort gesprochen und sollte es auch nie wieder tun. Die Sprache war von diesem Tag an auf ihren Lippen versiegt, denn sie war nun in ihrer eigenen Welt eingesperrt und kämpfte ganz alleine mit den Schatten des Wahnsinns.

Als der Jarl mit donnernden Schritten das Haus, in dem das Mädchen mit ihrer Familie wohnte, betrat, zuckte es zusammen und kauerte sich vor dem Feuer ganz klein zusammen. Der Jarl kniete sich vor der jungen Frau nieder und sah ihr in die Augen. Darin sah er pures Entsetzen. Er verstand, dass das Mädchen schon genug durchgemacht hatte und fragte sie darum ganz sanft, ob sie wisse, wo der Jüngling sei, mit dem sie gestern das Dorf verlassen hatte. Das Mädchen sah in lange an, so lange, dass der Jarl schon dachte, dass sie gar nicht antworten würde und ihren Geist ganz an die Finsternis des Wahnsinns verloren hatte. Dann erhob sich das Mädchen wie in Trance und lief mit nackten Füssen und offenem Haar aus dem Haus. Niemand aus ihrer Familie hielt sie auf, da sie sich fürchteten sie zu berühren. Der Jarl folgte ihr überrascht aus dem Dorf hinaus, den Weg entlang und in die düsteren Tiefen der Sümpfe.

Als die Dorfbewohner dies sahen, folgten sie dem seltsamen Gespann neugierig. Das Mädchen führte ihn und die Dörfler mit sicheren Schritten bis auf die Lichtung, auf der das Unglück geschah. Die Temperatur hatte sich wieder normalisiert, doch für das Mädchen machte das keinen Unterschied, denn für sie war die Welt nun für immer kalt. Niemand sah etwas besonderes und die Menschen wollten schon diesen Ort wieder gelangweilt verlassen, als sich das Mädchen über das stille, tiefe Wasser des Sumpfes beugte und einen Schrei ausstiess, der den Menschen das Blut in den Andern gefrieren liess. Es war ein Schrei, der kaum noch als menschlich beschrieben werden kann, es war ein Schrei des Grauens aus der tiefsten Seele des unschuldigen Kindes. Neugierig drängten sich die Anwohner vor, um zu sehen, was das Mädchen so erschreckt hatte.

Dort unten auf dem Grund des überraschend klaren Sumpfs, lag die Leiche des jungen Mannes. Die Haut hatte sich vom Wasser blau verfärbt und das Gesicht hatte sich im Tode zu einer Maske des Grauens verzogen. Was dieser Jüngling vor seinem Tod gesehen und erlebt hatte, konnte und wollte sich kein Mensch vorstellen. Seine blanken toten Augen starrten zu den Dorfbewohnern hinauf und durch die Bewegung des Wassers schien es, als bewegten sich seine Lippen ganz wenig, so als ob er den Lebenden etwas zuflüstern wollte. Lange starrten die Leute den Toten stumm an, dann wandte sich der Häuptling mit schweren Schritten ab und verliess mit hängenden Schultern den Ort des Unglücks. Auch niemand sonst wagte etwas zu sagen und so folgten sie dem Beispiel des Anführers und liessen das Mädchen mit ihren Gedanken allein. Eine halbe Ewigkeit stand das junge Mädchen am Rand des Gewässers und starrte hinein und fragte sich, ob sie Schuld sei am Tod ihres Geliebten. Dann drehte sie sich um, ohne eine Antwort gefunden zu haben. Sie kehrte in ihr Heimatdorf zurück, mit der festen Gewissheit nie wieder übermütig Lieben zu können, aus Angst noch einmal alles zu verlieren.

 

Die alte Frau verabschiedete sich mit einem letzten Schluchzen von ihren Erinnerungen und setzte ihren Entschluss in die Tat um. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich bewusst wurde wie absurd ihr Vorhaben doch war.

Dann erhob sie sich mit einem ächzen und fing langsam an, ins Wasser zu steigen. Ihr weisses Unterkleid wallte sich dort wo es das Wasser berührte und wirkte ein wenig wie eine Seerose, die auf dem Wasser schwamm. Schon bald reichte ihr das klare Wasser bis zur verwelkten Brust und sie überliess sich ganz sanft den Fluten des Sumpfes. Sie schloss die Augen und trat in die tiefste Stelle des Wasser, so dass sie keinen Boden mehr unter den Füssen spüren konnte. Nun würde sie endlich zu ihrem Liebsten kommen. Noch mal liess sie all ihre glücklichen Erinnerungen mit ihrem jungen Geliebten Revue passieren. Mit einem Lächeln ging sie in den Freitod und als sie im Wasser versank, fühlte sie sich das erste Mal wieder glücklich seit jenem Tag, als die bösen Geister sich gegen sie verschworen hatten und ihr eine Schuld aufbürdeten, die sie nicht tragen konnte.

 

Sagen um die dunklen Wasser des Nordens

Geschrieben von Lakeisha of Umberland

 

Nusslinge mit Metsauce

 

160g Brot in kleine Stücke gerissen

200g Nüsse gehackt

160g Mohrrüben

100g Paniermehl

0,5l Fleischbrühe

1 Ei

5g Kresse

1 Teelöffel Salz

1 Esslöffel Honig

 

Petersilie und Thymian

Öl zum anbraten

 

Alle Zutaten mischen

bis die Fleischbrühe

gut aufgesogen

ist und eine formbare

klebrige Masse entsteht.

Mit Petersilie und

Thymian abschmecken

und im heissen Öl in

kleinen Plätzchen

braten.

 

Met, Speck Sauce:

 

1 Esslöffel Apfelessig

100g Speck

Dill und Salz

2dl Met (nicht zu süss)

140g Quark

 

Speck mit Apfelessig,

Dill und Salz anbraten.

Mit dem Met ablöschen

und Quark untermischen.

Köcheln lassen bis

Nussknusperlinge bereit sind.

 

Aus der Sammlung

Traditionelle Rezepte von Backmoore

Geschrieben von Thorin Eirikson

 

Raben geflüster

 

Im tiefsten Wald, zu finsterer Nacht,

eine unruhige Seele, angekettet wacht.

Vom Körper getrennt vor grauer Zeit,

doch der Geist, nicht dem Tode geweiht.

 

Unzählige Epochen seien seither vergangen,

dessen Namen mit der Zeit sei zerfallen.

Dennoch ist er jemandem noch bekannt,

nur von den Raben wird er noch genannt.

 

Kraah, der Höllenbringer von Sanktile,

man nannte ihn Legion, denn er war viele.

Tausende von Schlachten er allein bestritten,

dennoch immer siegreich von dannen geritten.

 

Doch weil seine Gier nie hatte verzichtet,

von den Göttern selbst wurde er gerichtet.

Seine Machtgier wird er auf ewig büssen,

dort wo nur die Schatten ihn noch grüssen.

 

Schriftstück aus Warge, im Körper eines Tieres

Geschrieben von: Balgruf Wulfson

 

 

 

 

 

 

 

 

Blackmoores Thing, Bericht von Thorin Eirikson.
Der Sommer hatte schon lange begonnen, doch das Wetter fühlte sich an wie im November. Es regnet und der Nebel hängt in Fetzen an den hohen Tannen. Trotz des menschenfeindlichen Wetters kämpften wir uns durch die Wälder von Golzern, um in Goerkirks Hof Unterschlupf zu finden. Durchnässt und erschöpft erreichten wir ihn dann auch und wärmten uns am Feuer. Die nassen Felle verbreiteten einen unangenehmen Geruch und überall hingen tropfende Mäntel. Es war schön, wieder einmal alle zu sehen. Während die Frauen Hausarbeit machten, würfelten wir und genossen das extra gebraute Fest Bier. Es war schon lange nötig, dass wir uns treffen und Neuigkeiten austauschten. Unsere Höfe lagen verteilt im ganzen Tal und wir besuchten einander nur selten. Es wurde besprochen wer mit wem heiratet, wo welche Weiden lagen und wo wir als nächstes auf Viking gehen sollten. In dieser Zeit traf auch Tjorvi ein, der wie immer zu spät an unsere Treffen kam. Er entschuldigte sich und erzählte uns, dass eine Geiss eine schwierige Geburt hatte und er deswegen nicht kommen konnte. Wir waren uns aber sicher, dass er wieder einmal auf dem Weg trödelte, sich an einem Baum hinsetzte, an einem Ast schnitzte und dabei die Zeit vergass. Balgruf aber behauptete als einziger, dass sich Tjorvi im Nebel verirrt hatte. Als der knusprige Braten mit viel gekochten Knollen aufgetischt wurde und alle am essen waren wurde es ruhiger. Nach dem Essen verkündete Andreja die gute Nachricht, dass Finnia vielleicht doch noch den gewünschten Bruder bekam. Da letztes Jahr schon wieder ein Mädchen, nämlich Valea auf die Welt gekommen war. Unter uns waren wir aber sicher, dass es nochmals ein Mädchen wird. Als das Wetter ein wenig besser wurde, sammelten die Frauen Kräuter und Pilze, während die Männer sich über die Taktik im nächsten Kriegszug besprachen oder gleich neue Angriffsformationen und Kommandos einstudierten. Natürlich stritten wir uns auch darum, ob jetzt Schafe oder Geissen mehr Geld einbrachten. Bis zur Abenddämmerung beschäftigten wir uns noch mit den Kleinen, zeigten ihnen wo die Zwerge wohnten und welche Beeren man essen konnte. Danach legten wir die erschöpften Kinder in die Schlafnische und widmeten uns den Göttern. Obwohl sie in der Nähe eine Kirche gebaut haben, vollzogen wir zur Sicherheit ein Ritual, um den alten Göttern zu huldigen. In dieser Nacht spürten wir, dass es die alten Götter noch immer gab. Wir wussten, dass sie hinter der Nebelwand über uns lachten. Am dritten Tag badeten wir im See und schworen in voller Reinheit, dass wir unsere Versprechen einhielten. Danach war das Fest Bier - somit auch das Treffen - schon zu Ende. Einer nach dem andern machte sich frisch und gestärkt auf den Heimweg.
 

Das Bier der Pikten

 

 

 

Viele Fischer berichteten schon von der Insel des Regens. Aber nur wenige trauten sich, sie zu erkunden. Denn fremde Völker mit mystischen Ritualen an Steinen beherrschten dieses karge Land. Ich, Thorin Eirikson, beschloss, die Insel zu besuchen und mit den Einheimischen Handel zu treiben, und suchte in Blackmoore nach abenteuerlustigen Gesellen.

 

Nicht lange brauchte ich, um mein Schiff voll zu kriegen, und wir warteten auf den nächsten Nordwind. Die Fahrt verlief gut bis auf ein paar Wenige, die von der Seekrankheit geplagt wurden und haltlos über die Rehling reiherten. Als wir endlich ankamen, war unser Reisebier schon fast aufgebraucht. Birk verlangte, dass ich als erstes mit den Einheimischen, die wir Pikten nannten, verhandle und  neues Bier eintausche. Also ging ich auf die Suche nach den bedeutenden Clans mit unverständlicher Sprache. Zum Glück hatte ich Balgruf dabei, der ein wenig Gälisch sprach. Während ich verhandelte, schickte ich Birk und Norwin auf Erkundungstour, damit sie nicht alles auseinander nehmen auf der Suche nach Bier. Birk und Norwin nahmen Balgruf, Eymilis und ihre Leibwache mit auf die Reise durchs Land. Sie durchstreiften Birkenwälder und wanderten in farnbewachsenen Schluchten. Sie sahen die Häuser der Pikten und ihre Kultstätten, bestiegen Berge und liefen an endlosen Seen entlang durch bemooste Steinfelder. Als sie zurück kamen, hatten sie einen riesigen Durst. Zum Glück hatte ich unterdessen einiges an Bier eingetauscht, sonst hätte man Birk wohl nicht mehr beruhigen können. Er hatte einen solchen Durst, dass er sogar das torfige Bier der Pikten ohne zu jammern trank. So verbrachten wir den letzten Abend an der Küste bei einem gemütlichen Feuer. Je später der Abend, desto mehr Bier floss und wir mussten unsere Abfahrt verschieben, weil Norwin einem Hirschen hinterher gerannt und bis jetzt nicht mehr aufgetaucht ist...

 

 

Foto: Benjamin Grossniklaus

Model: Der königliche Bote

Ort: Grenchen

 

Eines Morgens beklagten sich die Bauern von Blackmoore beim König, dass all ihr Vieh von einem Troll gerissen werde, der schon länger sein Unwesen treibe. Er sei jedoch gewarnt, denn dieser Troll könne zaubern. Es wurde anscheinend schon beobachtet, wie er seinen Sumpf zum kochen brachte, um das Fleisch einer Kuh zu garen. Der König zögerte nicht lange und sandte seine zwei fähigsten Krieger Micheil und Mhartainn aus. Sie durchstreiften den Wald. Als sie den verwunschenen Sumpf erreichten, roch es nach verdorbenem Fleisch und ausserdem lag der Geruch von Fisch und Schwefel in der Luft. Die zwei Krieger mussten sich zusammenreissen, um sich nicht zu übergeben. Da stampfte auch schon ein Troll aus dem Nebelschleier. Die Krieger zögerten nicht und fielen über den Troll her. Nach langem Kämpfen wurden sie jedoch zurückgedrängt. Mhartainn zagte nicht lange, stiess ein Schlachtruf aus und stürzte sich erneut auf den Troll. Der Troll reagierte sofort und verwendete seine Magie, um Mhartainn abzuwehren. Regungslos lag er da, sein Blick war starr. Micheil nutzte die Gelegenheit, da der Troll erschöpft vom Zaubern war und spaltete mit seinem Schwert den Trollschädel. Das Blut färbte den Sumpf rot. Micheil packte Mhartainn und zerrte ihn ans Feuer, um ihm die Wärme des Lebens wieder zu geben. Bald darauf erwachte Mhartainn. Sie stärkten sich mit einem Horn Met und zogen danach ins Land, um die gute Kunde vom toten Troll zu verbreiten.

 

Als der Winter langsam ins Land zog, schickte der Bauer seine Magd hinaus, um die Holzvorräte aufzufüllen. Im Gesträuch in den Bergen genoss die Magd die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes.

Nachdem sie einen beachtlichen Haufen Holz gesammelt hatte, der nur noch auf das Pferd gebunden werden musste, hörte sie das Hufgetrappel von mehreren Pferden. Was haben Reiter in unserer Gegend zu suchen, fragte sie sich und wurde misstrauisch. Schnell versteckte sie sich hinter einem Baum. Der Puls raste und sie traute sich kaum zu atmen. Als die Magd erkannte, dass es sich bei den Reitern um drei Frauen handelte, entspannte sie sich ein bisschen. Sie blieb im Versteck und beobachtete die Frauen. Was sie wohl hier suchten? Denn die Magd erkannte sofort, dass ihre Kleidungen nicht aus der Gegend stammten. Neugierig streckte sie den Hals, um mehr zu erspähen. Plötzlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Es mussten die drei Walkyren* sein, von denen ihr Herr schon öfters erzählt hatte. Die Vorderste war bestimmt Nuilwen Balaneth vom Fee-Tal, denn es heisst, sie trage das schönste Gewand in Odins Reich. Dahinter ritt die Holde Frouwe Marietta vom Leuenberg. Es wurde behauptet, sie könne mit Pferden sprechen. Und die Dritte musste demnach Freifrouw Silva von Bärenfall zu Steinmur sein. Ihre Weisheit, sagt man, habe sie direkt von Odin geerbt, deshalb wird sie auch Odinsdottir genannt. Die drei mussten Walkyren sein.

Die Magd beobachtete wie die Walkyren von ihren Pferden stiegen und die Arme ausbreiteten. Aus den Armen wurden Flügel und alle drei stiegen als Schwäne empor. Ehrfürchtig schaute sie zu. Sie war wie erstarrt. Nachdem die Schwäne verschwunden waren, sammelte sie das Holz auf und ritt heimwärts. Als sie unten am See war, blickte die Magd in den Himmel und erblickte drei Schwäne. Sehnsüchtig stellte sie sich vor, ob auch sie einmal als Walkyre losziehen würde, um das Schlachtenglück zu lenken.

 

*Eine Walküre, auch Schlacht- oder Schildjungfer genannt, ist ein weibliches Geisterwesen aus dem Gefolge des Göttervaters Odin. Sie erwählen auf dem Schlachtfeld die ehrenvoll Gefallenen und bringen sie nach Walhalla.

 

Das Wetter wird wachsen, wild wird es rasen.

Da sandte Fjölswinn, um zu leuchten den Schiffen,

seine einzige Tochter Eylimis.

Sie entdeckte eine Gestalt, wo sich die Wellen brachen.

 

Da sprach Eylimis: „Wer ist der Fisch,

der verzweifelt mit den Fluten kämpft?“

 

„Eirikson heiss ich,

Eirik hiess mein Vater.

Hilf mir, denn viele Schnellen durchschwamm ich schon,

am Ende ist meine ganze Kraft.“

 

Sag mir dies Eirikson,

was ich dich fragen werde

und ich wissen will, was zu finden glaubtest du

in dem tosenden, kalten Eliwagar?

 

„Ich kreuzte mein Schwert sieben Nächte lang mit Gymir,

sein Blut strömte über mein Schwert,

während die heulende See mich ostwärts trieb.“

 

Eylimis sprach: „Nimm diesen Trank, er wird netzen deine Kehle

und erleichtern deine Fieberträume.“

 

Entschlummert lag Eirikson sorglos in Eylimis Arm.

 

Klicke auf ein Bild, um es zu vergrössern und ins Ansichtsmenu zu kommen.

 

 

...Es stellte sich am nächsten Tag heraus, dass Norwin gegen einen Baum gerannt ist als er dem Hirschen den Weg abschneiden wollte. Und dort schlief er seelenruhig, versteckt im hohen Gras, seinen Rausch aus. Während wir verzweifelt nach ihm suchten.